Abgelegt unter: Der Fußball-WM-politblog
„Moralisch gesehen gehören die für mich nicht weiter!“ sagt mein Kollege. „Aber muss er doch machen!“ kommt der Widerspruch von der anderen Seite des Tisches. Die Fußball-Weltmeisterschaft bot genügend Stoff für Diskussionen über Spielsituationen und (un)faires Verhalten. Nicht nur in den Mittagspausen der KjG-Diözesanstelle. Auch im politblog. Zwei spielentscheidende Szenen stehen zur Diskussion:
„Die Hand Gottes und der Jungfrau Maria“
Urugays Stürmer Suarez ist „der meist bejubelte Torwart in Südafrika“. Denn durch ein Handspiel auf der Torlinie verhindert er in der letzten Minute der Verlängerung die Führung der Ghanaer (Szene auf youtube). Suarez erhält die rote Karte, Ghanas Spieler verschießt den fälligen Elfmeter, Uruguay siegt im so ermöglichten Elfmeterschießen und steht im Halbfinale. Die bei der vergangenen Weltmeisterschaft so oft umstrittenen Schiedsrichterleistungen müssen im Fall „Suarez“ nicht diskutiert werden, denn das Handspiel wurde mit Platzverweis und Strafstoß gemäß den FIFA-Regeln bestraft. Dass Ghanas Spieler Asamoah Gyan den Elfmeter nicht verwandelt, ist Schicksal. Und gleichzeitig der Moment, in dem sich die ausgleichende Gerechtigkeit eben nicht durch den Spielverlauf selbst erfüllt. Und so wird diskutiert: Ist Suarez nun Held oder Betrüger? Ist sein Handspiel moralisch zu rechtfertigen?
Es war natürlich kein faires Verhalten, aber der Uruguayer nahm – ob bewusst oder aus Reflex – die einzige Chance wahr, sein Team im Turnier zu behalten. Suarez hat gehandelt wie die meisten Profisportler gehandelt hätten. Man kann sich nun moralisch über den Sportler Suarez und sein unsportliches Verhalten erheben, verkennt dann m.E. aber, dass die Fußballweltmeisterschaft weniger Vorbild für als Abbild von unserer westlichen, von Erfolg und Ertrag angetriebenen Gesellschaft ist. Wer von uns hätte denn zugunsten seines Gewissens auf den prestigeträchtigen Einzug ins Halbfinale verzichtet? Oder dies vom Profi-Fußballer verlangt?
Abgesehen davon können wir als unbeteiligte Fans des deutschen Teams die genannte Szene sehr entspannt be- und verurteilen. Doch was ist hiermit?
„Das Bloemfontein-Tor“
Im Achtelfinalspiel Deutschland gegen England trifft der Schuss von Englands Frank Lampard die Unterkante der Latte, von dort prallt der Ball klar hinter die Linie, springt zurück an die Latte und in Manuel Neuers Arme. Dieser bringt den Ball sofort per Abschlag wieder ins Spiel, Lampard hebt reklamierend die Hände, aber: Kein Pfiff, kein Tor (Szene auf youtube). “Glück für die deutsche Mannschaft“ sagt der Kommentator. “Nachdem ich mich umgedreht habe, habe ich mich nur auf den Ball konzentriert.“ sagt Manuel Neuer nach dem Spiel. „Ich habe schnell versucht, nach vorne zu spielen, damit die Schiedsrichter nicht daran denken, dass der Ball drin war.“
Vorausgesetzt, dass er beim ausschließlich auf den Ball konzentrierten Blick auch ein Stück Torlinie wahrnahm, hätte es der deutsche Torwart in der Hand gehabt, durch eine Ansage die Fehlentscheidung zu korrigieren und das Tor anzuerkennen. Zu Ungunsten seines eigenen Teams. Wer Luis Suarez fehlendes Fairplay vorwirft, muss auch in diesem Fall fehlende Sportlermoral attestieren. Doch im davon profitierenden Deutschland wird Neuers Verhalten kaum diskutiert (die taz macht eine Ausnahme), das Versagen der Schiedsrichter als Ursache herangezogen und die „Rache für Wembley“ als ausgleichende Gerechtigkeit gefeiert. Denn: Wer von uns hätte sich einen Manuel Neuer gewünscht, der zum Schiedsrichter geht und den Ball hinter der Linie bestätigt?
Es gibt Szenen im Profifußball, in denen die Beteiligten couragiert und mit einem großen Sinn für Fairplay falsche Schiedsrichterentscheidungen zu Ihren Ungunsten korrigieren oder für eine ausgleichende Gerechtigkeit sorgen. Selten jedoch ist dies auf den höchsten Ebenen zu finden – und bei der WM 2010 eben auch nicht.
Ich behaupte: Je größer der eigene (vermutete) Schaden oder Verlust, desto geringer die Chance eines Fairplay. Die Weltmeisterschaft gibt Beispiel dafür. Unser Alltag auch.
Holger Walz
Bildungsreferent für gesellschaftspolitische und theologische Themen
Ganz großes Kino die Fairplay Szenen aus dem Profifußball. Schon zu bewundern wenn Menschen so viel Gerechtigkeitsgefühl haben das sie sogar Nachteile in kauf nehmen.
Ich fände es großartig wenn auch in der Gesellschaft so gehandelt würde. Aber vielleicht können wir uns da ja auch was vom Fußball abschauen.
Weder ein Fußballspiel noch der Markt regeln sich von selbst. Weder der Fußball noch die Gesellschaft kommen ohne Schiedsrichter aus.
Aber genauso gilt im Fußball wie auch in der Gesellschaft darauf zu Achten das die Spielregeln und die Schiedsrichter nicht das Spiel zerpfeifen/ die Menschen unfrei werden.
Auf jeden Fall spannend zu überlegen wo unsere Gesellschaft vom Sport lernen kann und wo nicht.