Längeres gemeinsames Lernen in NRW? – Wir bieten Pro und Contra
Donnerstag, 6. Mai 2010, 12:45
Abgelegt unter: Bildungsland NRW

Die Debatte um ein längeres gemeinsames Lernen bestimmt den Wahlkampf in NRW. Es dreht sich im Kern um die Frage, ob die Sortierung von neunjährigen Schülerinnen und Schülern auf (im Groben) drei unterschiedliche Schulformen wirklich bedarfsgerecht und förderlich ist – oder eher einer (oft) vom Sozialstatus herrührenden Chancenungleichheit frühzeitigen Vorschub leistet.

Im Folgenden bieten wir Dir nun Pro- und Contra-Argumente zu einem längeren gemeinsamen Lernen aus Stellungnahmen des Kinderhilfswerkes und eines Elternverbandes.

(Anm. d Red.: Da unsere KjG-Veröffentlichungen stets geschlechtergerecht formuliert sind, haben wir die folgenden Textauszüge dementsprechend geändert bzw. ergänzt.)

aus einer Stellungnahme des Deutschen Kinderhilfswerkes e.V.:

[…] Unser derzeitiges Schulsystem orientiert sich noch immer am Ziel homogener Lerngruppen. Das führt aber nicht zu besseren Lernergebnissen, sondern vielfach geradewegs zu einer Bildungsdiskriminierung, bei der die Kinder aus so genannten bildungsfernen Schichten, Kinder mit Migrationshintergrund und Kinder mit Behinderungen auf der Strecke bleiben. Hier muss es zu einer Veränderung unseres Schulsystems kommen. Wir brauchen eine gemeinsame Schule für alle Kinder und Jugendlichen, und dies bis zum Ende der Pflichtschulzeit. (Anm. Red.: Die Pflichtschulzeit in NRW beträgt 10 Jahre, also i.d.R. bis einschließlich der zehnten Klasse) Wir müssen dabei Heterogenität als Fakt und als Chance anerkennen. Auch wenn SchülerInnen länger gemeinsam lernen, ist individuelle Förderung möglich, um sowohl gute Ergebnisse in der Spitze als auch in der Breite zu erreichen. Eine gute Schulbildung im Sinne eines humanistischen Menschenbildes ist dabei nicht in homogenen, sondern vor allem in heterogenen Gruppen zu organisieren. Dazu brauchen wir keine unterschiedlichen Schulformen, sondern eine gemeinsame Erziehung der Kinder und Jugendlichen, die nicht von allen das Gleiche verlangt. Jede Schülerin und jeder Schüler muss dabei in seiner Gesamtentwicklung unterstützt werden. Es ist für die Kinder und Jugendlichen von großem Vorteil, wenn sie miteinander und voneinander lernen und so ihre individuellen Fähigkeiten und soziale Kompetenzen optimal entwickeln.

Heterogenität, also unterschiedliche Interessen und Fähigkeiten, unterschiedliche Herkunft, unterschiedliches Wissen und Können, ist ein Charakteristikum einer jeden Gesellschaft. Heterogenität darf deshalb nicht aus der Schule herausorganisiert werden, weil sie als den Unterricht erschwerender Faktor verstanden wird. Die Schule hat sich vielmehr der Aufgabe zu stellen, die Einstellung zur Heterogenität positiv zu verändern, den Umgang mit ihr zu lehren und zu praktizieren sowie Reichtum und Chancen der Vielfältigkeit zu nutzen. […]

Die PISA-Studie hat uns eindrucksvoll vor Augen geführt, dass längeres gemeinsames Lernen in einer veränderten Lernkultur den Lernerfolg in der Breite und in der Spitze vergrößert. Wer Engagement und Leistungsbereitschaft bei allen Kindern und Jugendlichen fördern will, muss ihre individuellen Ressourcen erkennen und fördern. Nach vier Jahren Schulbesuch ein fast immer endgültiges Urteil über die Chance auf das Abitur und ein Studium zu fällen, ist ungerecht gegenüber Kindern, deren Talente in dieser kurzen Zeitspanne nicht gefördert wurden oder nicht zur Entfaltung kamen. [...]

(Quelle: www.laenger-gemeinsam-lernen.de, S. 2)

aus einer Stellungnahme des „Elternverein NRW“:

[…] Es gibt gewichtige Gründe, weshalb ein „längeres gemeinsames Lernen“ den betroffenen Kindern nicht hilft:

1. Die moderne Wissenschaft hat ermittelt, dass sich die geistige Leistungsfähigkeit überwiegend im ersten Lebensjahrzehnt entwickelt. Der bekannte Psychologe Professor Franz E. Weinert aus München hat dabei den ererbten Anlagen einen Wert von bis zu 50% beigemessen. Die PISA-Forscher Professor Baumert und Professor Köller gehen von Werten zwischen 30% und 50% aus. Neben den Anlagen ist das Umfeld in den frühen Lebensjahren bedeutsam. Es kann lernanregend sein oder nicht. Außerdem nehmen Kindergärten und Grundschulen Einfluss. Aus diesen Gründen kann man bei der Mehrheit der GrundschülerInnen gegen Ende der vierjährigen Grundschule mit recht großer Sicherheit feststellen, ob ein Kind am besten in einer Hauptschule, einer Realschule oder einem Gymnasium weiterlernt.

2. Auch, wenn es oft anders behauptet wird: in NRW können in den meisten Fällen die Eltern entscheiden, auf welche Schule ihr Kind gehen soll. Die jetzige Schulformempfehlung der Grundschule ist nicht bindend, es sei denn, die Eignung des Kindes sei für Realschule oder Gymnasium offensichtlich ausgeschlossen. Selbst dann müssen noch drei Schulfachleute nach einem Prognoseunterricht dieser Meinung sein, ehe die Tür zur gewünschten Schule vorerst verschlossen bleibt. Darüber hinaus haben in den Klassen 5 und 6 die Hauptschulen, Realschulen und Gymnasien die Verpflichtung, alle Kinder daraufhin zu beobachten, ob sie in der richtigen Schule sind. Falls dies nicht so sein sollte, müssen die Schulen auf einen Schulwechsel hinwirken.

3. Bleiben alle Kinder nach der Grundschule weiter zusammen, müssen die LehrerInnen große Unterschiede überbrücken. Da Begabungen, Lernbereitschaft und Lerngeschwindigkeit sehr verschieden sind, ist inzwischen auch das Vorwissen sehr verschieden geworden. BefürworterInnen des „längeren gemeinsamen Lernens“ behaupten, es könne mit unterschiedlichen Aufgaben im Unterricht, bei Hausaufgaben und bei Klassenarbeiten (der sogenannten Binnendifferenzierung), allen Kindern gerecht werden. Das hört sich gut an, ist aber im Schulalltag nicht zu schaffen. Den Arbeitsaufwand können LehrerInnen auf Dauer nicht leisten. Der Ausweg ist ein Unterricht mit viel Üben und Wiederholen und entsprechend geringen Lernfortschritten. Für die lernschwächeren SchülerInnen hört das lähmende Gefühl der Überforderung nur selten auf. Die lernstärkeren werden gebremst und verlieren ebenfalls die Lust, sich anzustrengen. Hilfreich für alle ist hingegen ein Unterricht in Lerngruppen, in denen die Unterschiede der Fähigkeiten nicht allzu groß sind. Hier können alle SchülerInnen Lernerfolge sehen und mit Interesse Neues an vorhandenes Wissen und Können anknüpfen.

Länger gemeinsam lernen hilft den verschieden veranlagten Kindern nicht. […]

(Quelle: www.elternverein-nrw.de)

Und? Welche Argumente überzeugen Dich?