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Nicht nur die Parteien treten bei der Wahl gegeneinander an, sondern auch zwei Schulsysteme: Das aktuelle mehrgliedrige Schulsystem vs. Gemeinschaftsschule. Doch was steckt hinter diesen beiden Schulsystemen? Und wie stehen die Parteien dazu?
Das mehrgliedrige Schulsystem in Deutschland, oft auch als dreigliedriges Schulsystem bezeichnet, besteht aus Hauptschule, Realschule und Gymnasium. Daneben existieren die Gesamtschulen sowie die Sonder- und Förderschulen. Nach vier Jahren gemeinsamer Grundschule werden die Schülerinnen und Schüler im Alter von ca. 9 Jahren auf die verschiedenen Schulformen verteilt, auf denen sie dann die entsprechenden Abschlüsse (Berufsschulreife, mittlere Reife, Abitur) erlangen können. Die Entscheidung für die weiterführende Schule ist abhängig von einer Empfehlung durch Lehrerinnen und Lehrer und/oder vom elterlichen Willen – dies ist je nach Bundesland unterschiedlich. In NRW gibt es eine verbindliche Schulempfehlung für den Übergang. Sind Eltern anderer Meinung zur geeigneten Schulform ihres Kindes, wird in einem dreitägigen Prognoseunterricht geprüft, ob das Kind für diese Schulform geeignet ist. (siehe www.schulministerium.nrw.de)
Das Schulsystem in Deutschland ist sehr selektiv und daher mehrfach in die internationale Kritik geraten. So legte 2007 der UN-Menschenrechtsinspektor Vernor Muñoz der Bundesrepublik eindringlich nahe, das mehrgliedrige Schulsystem zu überdenken. Bei der im internationalen Vergleich untypisch frühen Aufteilung der Kinder auf die verschiedenen Schulformen könnten die Schülerinnen und Schüler nicht angemessen beurteilt werden. Besonders negativ wirke sich dies auf arme Kinder, SchülerInnen aus Migrationsfamilien sowie auf Kinder mit Behinderungen aus. Weltweit verteilt außer Deutschland nur noch Österreich die Kinder so früh auf verschiedene Schulformen. Außerdem bemängelt er die fehlende Durchlässigkeit zwischen den Schulformen. (siehe z.B. auf www.sueddeutsche.de)
Die Gemeinschaftsschule stellt eine Alternative zum mehrgliedrigen Schulsystem dar und steht für verschiedene Formen längeren gemeinsamen Lernens. Von der Schulstruktur her kann damit eine flexible Kooperation verschiedener weiterführender Schulen gemeint sein, aber auch die vollständige Zusammenführung zu einer Schulart. In einigen Modellen ist auch die Ausweitung der Grundschulzeit auf sechs Jahre vorgesehen. Allen gemein ist die Verlängerung der gemeinsamen Schulzeit und das Vermeiden einer verfrühten Differenzierung. Gemeinschaftsschulen sollen Abschlüsse von Haupt- und Realschule sowie den Übergang zur gymnasialen Oberstufe anbieten. Eine Eingruppierung in qualitativ unterschiedliche A-, B- oder C-Kurse wird vermieden. Stattdessen werden die Schülerinnen und Schüler mit ihren unterschiedlichen Begabungen und Bildungsständen gemeinsam und mittels offener Methoden unterrichtet, um die Heterogenität in der Klassengemeinschaft zu nutzen. Ziel des Konzeptes Gemeinschaftsschule ist eine höhere Durchlässigkeit im Bildungssystem und eine effektivere Integration von Migrantenkindern. Die Länder Berlin, Sachsen und Schleswig-Holstein führten unterschiedliche Varianten der Gemeinschaftsschule in Modellprojekten ein; in Hamburg soll es zum neuen Schuljahr eine Schulreform geben. (Vgl. www.wikipedia.org/wiki)
Und was fordern die Parteien in ihren Wahlprogrammen?
Vom Grundsatz her halten die beiden aktuellen Regierungsparteien am bestehenden mehrgliedrigen System fest: Die CDU will dabei die Hauptschulen weiter fördern und zu Ganztagsschulen ausbauen, die FDP wirbt für starke Gymnasien und berufspraktisch orientierte Schulen. Den Liberalen zufolge erhielten die Kommunen aber die Option, Haupt- und Realschulen zu einer „regionalen Mittelschule“ zusammenzulegen. Die Oppositionsparteien dagegen setzen auf längeres gemeinsames Lernen in Gemeinschaftsschulen: Laut SPD sollen nach einem gemeinsamen Lernen bis Klasse 6 Eltern, Schulen und Schulträger entscheiden, ob weiter integrativer Unterricht oder eine Differenzierung in Hauptschul-, Realschul- und Gymnasialklassen stattfindet. Die Grünen sind inhaltlich ihrem „Wunsch-Koalitionspartner“ nahe, wollen aber keine starren Landesvorgaben: Den Kommunen und Schulen soll eine Vielfalt an Wegen geöffnet werden, in denen längeres gemeinsames Lernen mit individueller Förderung möglich ist. Die bislang nicht als Fraktion im Landtag vertretene Linkspartei setzt sich für eine „Schule für alle“ mit gemeinsamem Unterricht bis Klasse 10 ein. (aus den Wahlprogrammen der Parteien)
Die Wahl am 09. Mai wird für das zukünftige Schulsystem in NRW richtungweisend sein. Wird ein „aufwachsendes Modell“ eingeführt, kommt es zur „Hauruck-Aktion“ oder kann ein „Schulchaos“ verhindert werden? In der Wahlarena des WDR debattierten die SpitzenkandidatInnen der Parteien bereits erbittert über den „richtigen“ Bildungsweg. Doch mit dem kommenden Wahlsonntag wird dies nicht zu Ende sein. Es geht erst los.