Abgelegt unter: Soziale Netzwerke & Datenschutz - Reine Privatsache?
Neben allen Vorzügen und Chancen, die soziale Online-Netzwerke bieten, bergen sie hinsichtlich des Schutzes persönlicher Daten auch Risiken, die die Frage aufwerfen, wer für ihre Minimierung verantwortlich ist. Beginnen wir mit einem jungen Studienabbrecher und seiner Haltung zur Privatsphäre in sozialen Netzwerken. “Menschen sind einverstanden damit, Informationen über sich mit anderen zu teilen und werden immer offener zu immer mehr Menschen” sagt Mark, 25 Jahre.
„Wir sehen es als unsere Rolle in dem System an, ständig Veränderungen umzusetzen und unsere Software so anzupassen, dass sie widerspiegelt, wie die sozialen Normen gegenwärtig sind.” Wer ist Mark? Und wer ist „wir“? Mark Zuckerberg ist sein vollständiger Name und „wir“ ist das Unternehmen „facebook“. Wenn der Gründer und Firmenchef eines sozialen Netzwerkes mit weltweit 350 Millionen Nutzerinnen und Nutzern in einem Interview behauptet, seine Online-Plattform reagiere lediglich auf gesellschaftliche Veränderungen (in diesem Falle also der steigenden Bereitschaft private Informationen zu teilen), erhält er naturgemäß eine große mediale Aufmerksamkeit (vgl. SpiegelOnline oder Video-Stream, min. 2:30 – 4:00). Zumal facebook zuvor (seit 01.12.2009) die Voreinstellungen bezüglich „öffentlich zugänglicher Informationen“ so geändert hat, dass einem Namen per Suchmaschine Profilfoto und Freundschaften zuzuordnen sind. (Anm. d. Autors: So konnte ich, obwohl ich kein eigenes facebook-Profil habe, dem KjG DV Köln-Profil leicht Kontaktdaten, „Fans“ und Pinnwand–Eintrag entnehmen. Natürlich wusste ich bereits vorher unsere Telefonnummer, und auch, dass es hier „Top-Bildungsarbeit, super Freizeitangebote, echtes KjG-Feeling und so vieles mehr“ gibt, aber es zeigt das Risiko, dass es auch anderen Personen leicht gemacht wird, private Daten zu sammeln und zu nutzen, ja, zu missbrauchen.)
Zunächst ein paar Fakten: Drei Viertel aller Jugendlichen zwischen 12 und 19 Jahren nutzen soziale Netzwerke wie facebook, myspace, studivz bzw. seine Ableger schülervz und meinvz – die meisten von ihnen mehrmals die Woche. Sie hinterlegen in ihren Profilen vor allem Angaben zu Hobbies, private Fotos, teilweise auch Kontaktdaten wie Emailadressen oder sogar Telefonnummern. Aber nur knapp die Hälfte haben die angebotenen Privatsphären-Optionen aktiviert. (Zu diesen repräsentativen Daten kommt die auf Langzeit angelegte Studie „JIM“ des Medienpädagogischen Forschungsverbund Südwest in ihrer Ausgabe 2009; vgl. hier und hier). Die andere Seite, also die Anbieter sozialer Netzwerke, geht ebenfalls relativ lax mit dem Thema Privatsphärenschutz um und erzeugt dementsprechende Kritik: Laut Fraunhofer Institut konnte 2008 keiner der Dienste überzeugen, Peter Schaar (Bundesbeauftragter für Datenschutz) empört sich nach einem Selbstversuch bei facebook im Juli 2009 über erhebliche Mängel, die „nicht gottgegeben sind, sondern in der Verantwortung der Betreiber liegen“. Und erst auf Betreiben von Verbraucherschützern haben sich im November studivz und Co. in gerichtlichen Unterlassungserklärungen dazu verpflichtet, sich beim Datensammeln etwas zurückzunehmen. Und kurz darauf „vereinfacht“ facebook nach eigenen Angaben die Privacy-Einstellungen, ermöglicht aber gleichzeitig das Auffinden von Profilen per Suchmaschine (s.o.).
Die (jugendliche und erwachsene) Zielgruppe unseres Verbandes betätigt sich also in eher unsicheren Online-Plattformen und geht damit Risiken ein, die durch mögliche Privatsphären-Einstellungen lediglich minimierbar sind: Unternehmen erstellen Datenbanken, kriminelle Passwort-Fischer (sog. „phisher“) wollen an Kontodaten und potentielle Arbeitgeber verwenden unbedachte Äußerungen und Fotos gegen einen. Zudem breiten sich zwei zunächst reale Gefahren auch in der virtuellen Welt aus: Cyber-Mobbing und Cyber-Grooming. So haben nach o.g. JIM-Studie ein Viertel der Befragten Bekannte, die einmal Opfer von Mobbing im Internet wurden, und 40% wurden bereits von Fremden nach Namen und Kontaktdaten gefragt. Ein Viertel von ihnen gab sich daraufhin auskunftbereit. Ob sie Namen und Handynummer auch einer fremden Person auf der Straße verraten hätten? Wohl eher nicht.
Hier kommen wir zurück zur Behauptung von Mark Zuckerberg, dass sich die soziale Norm, was (im Internet) privat sei oder eben nicht, gewandelt hätte. Und facebook und andere lediglich auf diesen Bedarf reagieren. Diesem hält Kai Biermann in der ZEIT entgegen, dass die Netzwerke das vorhandene Mitteilungsbedürfnis ihrerseits und im Sinne der eigenen Expansion anheizen, indem sie die NutzerInnen mit der verlockenden Währung Aufmerksamkeit belohnen. Die Betreiber dürften sich nicht ihrer Verantwortung entziehen. Muss vielleicht der Staat mit einem geregelteren Rahmen Sicherheit schaffen? Doch wie sehr kann und darf er dies, wenn es im Falle sozialer Netzwerke in der Sache um private Kommunikation geht? Innenminister de Maizière startete im Januar einen vierteiligen Dialog mit ExpertInnen und VertreterInnen der Internetgemeinde zu den „Perspektiven deutscher Netzpolitik“ und ließ sich das Netz erklären. Zum gewandelten Verständnis von Privatsphäre merkte er schmunzelnd an: “Diejenigen, die die Privatsphäre schützen wollen, wollen das Internet nicht nutzen, und die, die es nutzen wollen, wollen nicht geschützt werden.” Dem zweiten Teil seiner überspitzt formulierten Aussage würde Mark Zuckerberg sicherlich gerne zustimmen.
Doch greifen wir dies als Frage auf: Wollen und können wir uns selbst in sozialen Netzwerken schützen? Was gibst du von dir preis? Bei wem liegt deiner Meinung nach die größte Verantwortung für die persönlichen Daten? Bei den Betreibern und Betreiberinnen, den Nutzern und Nutzerinnen oder dem Staat?
Holger Walz, Bildungsreferent KjG DV Köln
Frisch getestet: “Stiftung Warentest” bescheinigt Online-Netzwerken mangelhaften Datenschutz: Facebook z.B. schränkt die NutzerInnenrechte sehr ein, genehmigt sich selbst aber großzügig die Datenweitergabe an Dritte. Immerhin: Bei schüler- und studivz haben wir NutzerInnen weitgehenden Einfluss auf die Verwendung unserer Daten.
Mehr steht hier: http://www.test.de/themen/computer-telefon/test/Soziale-Netzwerke-Datenschutz-oft-mangelhaft-1854798-1855785/
Was nun? facebook-Profil löschen?
Obwohl ich in einer Telekommunikationsfirma arbeite und auch in der KjG und dem BDKJ engagiert bin, wo so gut wie jeder ( aufwärts) der Regionalebene ein oder mehrere Profile unterhält komme ich Spitze “ohne” aus. Auch wenn ich, zugegebenermaßen, erfundene Profile unterhalte um meinerseits über andere Leute recherchen anstellen zu können.