Mal vorgestellt… Das Grundeinkommen und ich
Mittwoch, 11. November 2009, 18:55
Abgelegt unter: Grundeinkommen - Lösung oder Illusion?

Gäbe es das Grundeinkommen, was hätte ich davon?
Vorteile und Haken in der persönlichen Realität.

Mal vorgestellt: Ich erhalte monatlich vom Staat mein Grundeinkommen. Das ist genug, um mir Lebensmittel, vernünftige Klamotten und meine Wohnung zu leisten. Eigentlich bräuchte ich ja gar nicht mehr meiner Arbeit als Bildungsreferent nachgehen. „Reicht doch“, ist mein erster Gedanke. Doch ich habe noch nicht gedacht an: Urlaub, den neuen Laptop, die Festivaltickets. Außerdem steigen gerade eh die Preise, denn der Staat hat die Mehrwertsteuer ordentlich erhöht. Das merke ich bei jedem Einkauf, bei jedem Kneipen- oder Kinobesuch in meiner Geldbörse. Das heißt also: Um meinen Lebensstil zu halten, müsste ich mir etwas zum Grundeinkommen dazu verdienen. (Aber das empfinde ich gar nicht so als „Müssen“, ich arbeite ja gerne bei der KjG;). Da von meinem Bruttolohn nun weniger Sozialabgaben und Steuern abgehen, vielleicht aber auch Arbeitslöhne insgesamt im Niveau sinken (denn die Arbeitgeber entlohnen nun nicht mehr nach dem Kriterium der Existenzsicherung), kann ich mir grad gar nicht ausrechnen, wie viel ich schließlich netto verdiene. Aber das ist klar: Ich benötige nicht mehr die gleiche Wochenarbeitszeit, um mit Lohn und Grundeinkommen zusammen meinen Lebensstandard zu halten. Also: Ich reduziere meine Stunden und arbeite nur noch die Hälfte. Es wäre jetzt natürlich nicht gut, wenn dadurch die Arbeit bei der KjG liegen bliebe und es im Verband keine neuen gesellschaftspolitischen Projekte mehr gäbe. Ich gehe aber davon aus, dass jemand anderes meine Arbeit ebenfalls gut und gerne machen könnte: Wir teilen uns die Aufgaben und können sogar nach Interesse und Fähigkeiten entscheiden, bei wem die Themen und Projekte gut aufgehoben sind. Perfekt: Gleiches Geld (genauer gesagt: gleiche Kaufkraft), weiterhin gute Arbeit für mich und mehr Zeit gewonnen. Die würde ich wohl am ehesten in meine kleine Band stecken. Und ich hoffe, dass mein Bandkollege nun ebenfalls mehr Zeit hat und diese – neben seiner Familie – auch für unsere Musik nutzt. (Ansonsten mach ich halt ein Soloprojekt;)

Doch wo ist der Haken? Was setze ich, was setzt unsere Gesellschaft für das bedingungslose Grundeinkommen aufs Spiel? Verliere ich z.B. meine Produktivität, mein Engagement auf der Arbeit? Beziehungsweise: verliert der Wirtschaftsstandort Deutschland seine Konkurrenzfähigkeit, weil Lebensunterhalt-Verdienen als Motivationsfaktor wegfällt? Es ist doch auch jetzt so, dass ich produktiver arbeite, wenn neben dem Finanziellen auch die Rahmenbedingungen und die Inhalte zu mir passen. Wenn die Arbeitnehmerinnen und –nehmer nicht mehr auf das Geld der Arbeitgeberinnen und –geber angewiesen sind, wird der Arbeitsmarkt stärker im Wortsinn durch Angebot und Nachfrage geregelt. Beide Parteien verhandeln „auf Augenhöhe“ miteinander, mit dem Ziel Lohn und Arbeitskraft, Aufgabe und Fähigkeit, Rahmenbedingungen und Produktivität zusammenzubringen. Die Arbeitswelt wird gerechter. Und nicht nur diese: Durch den Freizeitgewinn erhält jede und jeder die Chance zu einem größeren Engagement für Bildung, Kultur und Soziales. Das klingt zunächst wie ein abstrakter Partei-Slogan. Aber wenn du Zeit für deine KjG-Kindergruppe hast, er regelmäßig mit seinen Kindern spielt, sie Kurse in der Ganztagsschule gibt und ich spiel die Musik dazu – dann gewinnt unsere Gesellschaft an vielen verschiedenen Stellen an Qualität. Das Grundeinkommen löst nicht alle Probleme, aber befreit vom Arbeitszwang ermöglicht es den Einzelnen, ihr individuelles Potenzial zur Weiterentwicklung der Gesellschaft einzubringen.

Für mich ist das Grundeinkommen ein vielversprechendes Konzept. Und das zunächst Utopische verstehe ich als Aufforderung, Schritt für Schritt diese Utopie wirklich werden zu lassen.

Stell du dir mal vor…!

Holger Walz
Bildungsreferent der KjG im Erzbistum Köln