“Wir wollen alles wissen, aber nicht alles lesen…”
Mittwoch, 9. September 2009, 15:54
Abgelegt unter: Wählen ist doch kinderleicht, oder?

Die Bundestagswahl naht. Und so mancher Erstwähler und manche Erstwählerin, aber auch gestandene WiederholungstäterInnen stellen sich die Frage: „Wen soll ich wählen? Und wenn ja, warum?“ Das Internet ist für junge Menschen die Infoquelle Nummer 1. Dies gilt laut einer Forsa-Umfrage auch in Sachen Politik. Und da nun auch der bundesdeutsche Wahlkampf verstärkt online stattfindet, starten wir einen Streifzug durchs Internet: Welche Wege gehen die wahlkämpfenden Parteien, um junge Wähler und Wählerinnen zu gewinnen? Und gibt es im Netz Alternativen zu den seitenlangen Wahlprogrammen? Denn: Wir wollen alles wissen, aber nicht alles lesen…

In den sozialen Netzwerken wie facebook, flickr und studivz sind sie alle vertreten, die Spitzenkandidaten und -kandidatinnen. Und sie werfen mit verkürzten Wahlaussagen und weiterführenden Links um sich. Es scheint bei ihnen noch nicht angekommen zu sein, dass „all diese hübschen bunten Web-2.0-Anwendungen nur dann interessant sind, wenn man an einem Austausch mit anderen Usern interessiert ist. Und nicht nur kommuniziert, was vorher mit der Pressestelle abgesprochen war.“  So die taz am 13.08. Zugegeben, auch unsereins hält nicht ständigen Kontakt zu all seinen 71 meinvz-FreundInnen, denn dies erfordert viel Zeit und guten Willen. Frank-Walter z.B. würde bei 17.825 AnhängerInnen nahezu Unmenschliches abverlangt. Eine für die Kandidaten und Kandidatinnen praktikablere Frage-Antwort-Kommunikation mit den Netzwerk-UserInnen sind daher Formate wie „Erst fragen, dann wählen“ (von meinvz, ZDF, Zeitonline), „Wahlchat 09“ (facebook, myvideo.de, N24) oder der youtube-Kanal „openreichstag“: Über die Online-Netzwerke können Fragen an Angela, Frank-Walter und Co. gerichtet werden, zu ausgewählten Themen antworten die PolitikerInnen dann in einer TV-Sendung bzw. im Livestream.

Was bieten die Internetseiten der Parteien, um die politische Botschaft an den jungen Mann bzw. die junge Frau zu bringen? Auf einer ihrer zielgruppenorientierten Unterseiten stellt die CDU ihr “Regierungsprogramm für junge Menschen” vor: Vier Themen in je max. 5 Zeilen – und dann der Link zum kompletten Programm. Die SPD setzt auf Slogans plus knappe Texte (z.B. „8 Ziele“), da scheint eine eigene „junge Rubrik“ nicht notwendig. Interessantes Tool der SPD ist „Mein Regierungsprogramm“: In wenigen Schritten wird eine pdf-Datei erstellt mit den sozialdemokratischen Zielen, die „speziell Sie interessieren sollten.“ Die Grünen haben bereits rein optisch eine jung daherkommende Internetseite – allerdings mit leichtem Hang zur Reizüberflutung. Bemerkenswert ist der Versuch, das eigene Wahlprogramm „in leichter Sprache“ zu verfassen. Hier ist es – neben anderen Kurz- und Langversionen – zu finden. Außerdem eine witzige Adaption: Der Gruen-O-Mat zur Frage „Wie grün bist Du?“ Ganz im Gegensatz zu den Grünen bietet Die Linke-Homepage nach eigener Aussage eine „schnickschnackfreie Insel der Ruhe“. Oder eher ein Auftritt ohne Überraschungen? Wie auch immer: Das Wahlprogramm gibt’s natürlich auch in kurz, und wer gar nicht lesen mag, kann sich den Video-Podcast 60+ anschauen. Nein, „60+“ ist nicht die Zielgruppe, sondern die Zeit in Sekunden, in der ein Parteimitglied sich zu einem Wochenthema äußert. Ähnlich unspektakulär erscheint die Webseite der FDP. Zwar leistet sich die Partei mit der „MitmachArena“ ein eigenes interaktives 2.0-Netzwerk; aber ohne Benutzer-LogIn geht hier natürlich nichts. So bleibt den vorbeisurfenden JungwählerInnen als einziger aussagekräftiger Eindruck das sog. „Deutschlandprogramm“ – dies aber sowohl in kurz als auch zum Hören oder Gucken. Und als kleine Randnotiz: Doch, auch die FDP bemüht sich um die junge Wählerschaft – wie einige Fotos auf flickR beweisen.

Nun, klar ist: Wer sich über die Inhalte der zur Wahl stehenden Parteien informieren möchte, muss Zeit investieren. Denn natürlich erspart uns gerade das Internet nicht das Sammeln und Filtern von Informationen. Aber es erweitert die Kommunikationsformen (wenngleich Kommunikation im Wahlkampf leider doch eher einseitig ist) und damit die Chance, dass politische Botschaften jede und jeden von uns erreichen, wenn wir ein wenig nach ihnen suchen: Auf youtube, in studivz-Profilen, per interaktive Tools oder ganz klassisch: im geschriebenen Parteiprogramm.

„Aber…“ könnte jetzt jemand gegen die Parteiprogramme einwenden, „in der Überschrift steht doch: Wir wollen alles wissen, aber nicht alles lesen!“ Müsst ihr ja auch nicht. Hier sind die Programme der Parteien auf einen Blick. Jetzt ist alles klar, oder? ;)